Der (un-)vergessene Titel – 90 Jahre Amateur-Staatsmeister


Fragt man einen LASK-Fan nach den größten Erfolgen der Vereinsgeschichte, kommt zumeist die immergleiche Antwort: „s‘65er-Jahr“! Und natürlich war das Double eine Sternstunde des LASK – doch schon 34 Jahre zuvor errang der LASK seinen ersten österreichweiten Titel. Heute jährt sich dieser Erfolg zum 90. Mal. Günther Waldhör, LASK-Fan und -Historiker nimmt euch in einem Gastbeitrag mit auf eine Zeitreise:

 

„In Linz selbst war am Samstag[1] in allen Sportkreisen eine erregte Stimmung. Beim Friseur, beim Ober und beim Pikkolo im Kaffeehaus, in der Tabaktrafik, kurz überall wo Sportleute hinkamen, erhielt man Tipps. Die meisten lauteten günstig für die Linzer. Diese Erregung übertrug sich auch auf die Zuschauermassen, die schon lange vor 14.00 Uhr zum Sportplatz strömten.“[2] 

Dieses Zitat aus dem Linzer Volksblatt vom 20. Oktober 1931 zeigt, mit welcher Vorfreude und Spannung einem Spiel vor genau 90 Jahren entgegengefiebert wurde, das letztlich dem LASK seinen ersten ganz großen österreichweiten Titel bringen würde. Doch der Reihe nach.

 

Ein neuer Bewerb

Österreichischer Amateur-Staatsmeister – das war in der Zwischenkriegszeit der höchste Titel, den ein Fußballverein bundesweit erringen konnte, wenn er nicht aus Wien stammte. Den österreichischen Meistertitel machten sich die Wiener Vereine noch bis 1949 (exklusive Kriegsmeisterschaften) unter sich aus, am österreichweiten Pokalwettbewerb nahmen ab 1935 auch Nicht-Wiener (bzw. Nicht-Niederösterreichische) Klubs teil.

Die Teams aus den Bundesländern trugen von 1929 bis 1937 jährlich einen eigenen Wettbewerb aus. Teilnahmeberechtigt waren alle Landesmeister der Bundesländer sowie die besten Amateur-Mannschaften Wiens (zumeist 3. Liga) und des Burgenlandes, die üblicherweise an den niederösterreichischen oder steirischen Meisterschaften teilnahmen.

Der Bewerb hieß zwar Meisterschaft, wurde allerdings im K.o.-Modus mit Hin- und Rückspiel ausgetragen – also viel eher nach Cup-Reglement. Die Staatsmeisterschaft erfreute sich von Beginn weg großer Beliebtheit. In seiner dritten Auflage erreichte der LASK – nachdem man zweimal in Vorrunden gegen den GAK den Kürzeren gezogen hatte – erstmals das Endspiel.

 

Der Weg ins Finale

Auf dem Weg ins Finale musste der Oberösterreichische Landesmeister und Cupsieger LASK im Viertelfinale gegen den FC Lustenau 07 antreten. Die Vorarlberger konnten mit zwei deutlichen Erfolgen – 4:2 (A) und 5:2 (H) – ausgeschaltet werden. Schwieriger gestaltete sich das Halbfinalduell mit dem 1. Salzburger AK 1914. Nach einem Wechselbad der Gefühle mit mehrmals wechselnden Führungen entschied der LASK das Duell nach einem 1:1 auswärts und einem 2:2 daheim in einem Entscheidungsspiel an neutraler Stätte (Wels) knapp mit 2:1 für sich. Ein Großteil der stattlichen 1200 Zuschauer – darunter nicht wenige aus Salzburg – entließ die Oberösterreicher mit viel Beifall ins Endspiel, in dem es erwartungsgemäß wieder gegen den Grazer Athletik Klub ging.

Final-Hinspiel in Graz: Großer Kampfgeist

Der GAK galt als eindeutiger Favorit. Der Beginn des Spiels schien dies auch zu bestätigen. Die LASK-Verteidigung war noch nicht richtig angekommen im Match und fabrizierte einen kollektiven Stellungsfehler, den der Grazer Wilhelm Reiter mit einem scharfen und platzierten Schuss ins LASK-Tor ausnützen konnte. Der Treffer und der lautstarke Grazer Jubel beflügelten die Rotjacken, die nun wohl meinten, wie ein Wirbelsturm über die Linzer fegen zu können.

Doch diese erfingen sich rascher als den Grazern lieb war und gestalteten die erste Halbzeit einigermaßen ausgeglichen und schafften – das dann doch etwas überraschend – noch vor dem Pausentee den Ausgleich. Einen scharfen Schuss von Hans Doppler konnte der Grazer Torwart Dr. Nemschak mit dem Fuß abwehren, den Abpraller verwertete aber Alois Weiß gekonnt mit einem Prachtschuss ins Grazer Gehäuse.

In der zweiten Spielhälfte spielte der GAK mit großer Dominanz, doch die Linzer verteidigten das Unentschieden mit riesigem Einsatz und unbändigem Willen. Dazu befand sich Verteidiger Leo Schaffelhofer – so wird berichtet – in Höchstform. Mit vereinten Kräften konnten die Schwarz-Weißen das Remis über die Distanz bringen.

 

Nächtlicher Empfang

Die Nachricht vom 1:1-Endstand erreichte Linz noch in den frühen Abendstunden und nicht wenige hatten damit – und mit der sich nun bietenden Chance, im Heimspiel tatsächlich den Titel holen zu können – so viel Freude, dass sie einer Idee nachgingen, die sich zeitgenössisch so liest: „Es fanden sich bei der Ankunft der Mannschaft um 23.00 Uhr viele Anhänger des LASK ein, die den braven Spielern Kundgebungen bereiteten.“[3]

 

Final-Rückspiel in Linz: Mit Rückstand in die Pause

Eine Woche später – am 18. Oktober 1931 – fanden sich 3000 erwartungsfrohe Zuschauer am Linzer Sportplatz an der Trabrennbahn ein. Diese Zahl war für Linz Besucherrekord bei einem Fußballspiel. Sie waren mit Bahn, Bussen und Autos aus allen Teilen des Landes – besonders aus Wels und Steyr – und sogar aus den Nachbarländern Bayern und Tschechoslowakei angereist.

Um 14.15 Uhr begann an diesem sonnigen Herbst-Sonntag das große Spiel. Wieder waren die Grazer technisch gut, wieder kombinierten sie stark, doch der LASK ließ sich nicht beirren. Kluge Taktik, enormer Kampfgeist – die Kronen-Zeitung nennt es sogar „beispiellose Aufopferung“[4]– eine starke Verteidigung und ein schnelles Konterspiel sowie Kraftreserven für die Schlussphase zeichneten die Linzer Athletiker an diesem Tag aus.

All diese Tugenden wurden benötigt, umso mehr als es wieder ein frühes Gegentor zu verdauen galt. Karl Fiedler hatte die Roten mit einem platzierten Schuss in die linke unter Ecke in Führung gebracht, war jedoch – so die Sichtweise des Volksblatt-Redakteurs – aus „klarer Abseitsstellung“[5]gestartet. In der Folge gehörte dem GAK weitgehend die Oberhoheit über das Spiel, doch entweder sie überkombinierten oder sie scheiterten an der starken Linzer Abwehr um Schaffelhofer und Oder.

 

Die Wende in Halbzeit Zwei

Nach der Pause veränderte sich der Spielverlauf. Immer wieder angetrieben von den Zuschauern wurde der ASK stetig stärker und drängte auf den Ausgleich. Bei einem Watzke-Schuss wäre es beinahe so weit gewesen, doch der Ball klatschte lediglich an die Stange. Nach wechselnden Angriffen beider Teams brachte eine Standardsituation in der 74. Minute den ersehnten Ausgleich: Hans Dopplers Cornerball verwertete Alois Weiß per Kopf – 1:1.

Der LASK – gestärkt durch den Erfolg – wirkte nun frischer und drängte auf die Führung, die mit vereinten Kräften acht Minuten vor Spielschluss auch gelang: Rudolf Mayrhofer tankte sich durch, passte zu Emil Watzke, woraufhin der Grazer Tormann Nemschak eingreifen wollte. Er wurde jedoch gleich von drei Linzern – neben Watzke auch von Gurtner und Mayerhofer – irritiert, sodass er das Spielgerät nicht festhalten konnte, was wiederum Hans Gurtner zupasskam, der das kurz freiliegende Leder über die Linie drücken konnte.

„Orgiastischer“ Jubel und „fliegende Stöcke und Hüte“

Versuchen wir uns – anhand der Originalzitate aus dem Bericht der „Linzer Tagespost“ (Vorläuferin der späteren „Oberösterreichischen Nachrichten“) in diese Momente hineinzuversetzen: „Die Zuschauer bejubeln den Treffer orgiastisch und werfen in überschäumender Begeisterung Hüte und Stöcke empor. Die ins Spielfeld vorstoßenden Jugendlichen müssen etwas handgreiflich abgedrängt werden.“[6]

Aufregende Schlussminuten folgten noch. Tatsächlich gelingt dem GAK – scheinbar – noch der Ausgleich (85.) – doch ein kollektives Durchatmen auf Linzer Seite zeigte an, dass Schiedsrichter Janak schon abgepfiffen hatte. Nun hatte ein steirischer Journalist im „Grazer Tagblatt“ einen „regulären Treffer“[7] gesehen. Wenig überraschend sieht nun das „Linzer Volksblatt“ in Janak einen „ausgezeichneten Schiedsrichter“[8]und in der „Tagespost“ hatte man eine „klare Abseitsstellung“[9] ausgemacht. Es kommt immer auf den Standpunkt an.

Wenig später war dann Schluss mit Fußball, aber Start mit Feiern. Mit dem Schlusspfiff liefen viele Besucher aufs Spielfeld und trugen ihre siegreichen Lieblinge auf Schultern. Damit die LASK-Akteure ihre verdienten Meistermedaillen in Empfang nehmen konnten, wurden sie für kurze Zeit wieder herabgelassen.

 

1908, 1965 – und 1931

1908 und 1965 – diese beiden Jahre sind wohl in das kollektive Gedächtnis aller LASK-Anhänger fest eingraviert. Gründungsjahr und Meister- bzw. Cupsiegerjahr sind zweifelsohne die strahlenden Sterne am Himmel unseres schwarz-weißen Herzensklubs. Doch es gibt neben fünfzehn Landesmeistertiteln und sechs Landespokalsiegen eben auch diesen österreichischen Staatsmeistertitel.

1931 ist ein frühes Beispiel für die Strahlkraft, die Beliebtheit und das besondere Etwas zwischen dem LASK und seinen Fans im ganzen Land. Möge vorliegende Recherche mit ihren zeitgenössischen Zitaten dazu beitragen, diesen Erfolg ebenso hell in die schwarz-weiße Gegenwart strahlen zu lassen!

 

Diese LASK-Mannschaft krönte sich zum Amateur-Staatsmeister 1931:

Doppler Hans, Gurtner Hans, Höschlager Franz, Jordan Rudolf, Mayböck Josef, Mayrhofer Rudolf, Oder Hermann, Pfatschbacher Karl, Ruhs Walter, Schaffelhofer Leo, Watzke Emil, Weiß Alois,
Winkler Anton
Trainer:  Sepp Gurtner

 

 

 

Quellen:

  • ANNO, (Linzer) Tagespost, 28.09.1931
  • ANNO, (Linzer) Tagespost, 05.10.1931
  • ANNO, (Linzer) Tagespost, 12.10.1931
  • ANNO, (Linzer) Tagespost, 19.10.1931
  • ANNO, Linzer Volksblatt, 20.10.1931
  • ANNO, Grazer Tagblatt, 19.07.1931
  • ANNO, Sport-Tagblatt, 19.07.1931
  • ANNO, Illustrierte Kronen-Zeitung, 19.10.1931
  • austriasoccer.at

 

[1] „Samstag“ war nicht der Spieltag. Entweder war die Stimmung schon einen Tag vor dem Spiel so wie sie hier beschrieben wird, oder der Autor meint „Sonntag“.

[2] ANNO, Linzer Volksblatt, 20.10.1931, Seite 6

[3] ANNO, (Linzer) Tagespost, Montag, 12. 10.1931, Seite 6 (15.04.2020)

[4] ANNO, Kronen-Zeitung,

[5] ANNO, Volksblatt, 20.10., 6

[6] ANNO, Tagespost, 19.10., 7

[7] ANNO, Grazer Tagblatt, 19.10., 7 (16.04.2020)

[8] ANNO, Volksblatt, 20.10., 6

[9] ANNO, Tagespost, 19.10., 7